Wenn alle nach den Landtagswahlen im Osten gehen – wer bleibt dann übrig?
Dieser Text wurde am 01.06.2026 in der Zeitung „der Freitag” veröffentlicht.
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https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wenn-alle-nach-den-landtagswahlen-im-osten-gehen-wer-bleibt-dann-uebrig
An jenem Morgen stand ich ungewöhnlich früh auf. Dabei hatte ich kaum geschlafen. Immer wieder blickte ich in der Nacht auf die Uhr, als würde mich etwas erwarten, das größer war als ein gewöhnlicher Termin. Vielleicht war es genau das. Um acht Uhr sollte ich zum ersten Mal in meinem Leben an einer demokratischen Wahl teilnehmen. Wenige Monate zuvor hatte ich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, und in Magdeburg fanden an diesem Tag die Kommunal- und Europawahlen 2024 statt.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich in den Wochen davor begann, Programme zu lesen, Kandidat:innen zu vergleichen, und Diskussionen zu verfolgen. Es klingt vielleicht banal, aber für mich war all das neu. Meine einzige frühere Erfahrung mit Wahlen lag viele Jahre zurück, in Syrien, als ich Student war und wie Millionen andere gezwungen wurde, für Bashar al-Assad zu stimmen.
Damals sprach das Regime von Demokratie. Es gab plötzlich zwei weitere Kandidaten neben Assad, als wäre das Land tatsächlich offen geworden. Niemand glaubte daran. Es war eines dieser Theaterstücke, die Diktaturen für die Außenwelt aufführen. „Schaut her“, sollte es heißen, „auch wir haben demokratische Prozesse.“ Doch die Wirklichkeit roch nach Angst.
Menschen wurden mit Bussen zu Wahllokalen gebracht. Wer sich weigerte, riskierte seine Arbeit oder Schlimmeres. Auf den Straßen kontrollierten Sicherheitskräfte die Hände der Menschen und suchten nach dem blauen Fleck des Fingerabdrucks. Wer ihn nicht hatte – den blauen Fleck, den der Stempel am Wahllokal hinterließ –, wurde angeschrien, beleidigt oder direkt zurück ins Wahllokal geschickt. Dort gab es keine Kabinen, keinen geschützten Raum, keinen kurzen Moment der Einsamkeit zwischen Mensch und Entscheidung. Gewählt wurde vor den Augen der Kontrolleure. Sie wollten sehen, wo der Finger landete.
Mein kleines Wahllokal am „Zuckerbusch“
Und eigentlich gab es ohnehin keine Wahl. Nur den Sohn des vorherigen Präsidenten, den „kämpfenden Genossen“, wie sie ihn nannten.
Vielleicht schlug mein Herz deshalb an diesem Morgen in Magdeburg so schnell. Weil das kleine Wahllokal plötzlich etwas Feierliches hatte. Es lag nur wenige Minuten von meiner Wohnung entfernt, in der Grundschule der Tochter meines Freundes, am „Zuckerbusch“. Ich ging zu Fuß dorthin, den Ausweis und die Wahlbenachrichtigung in der Hand, und spürte etwas, das ich lange nicht gespürt hatte: Würde. Nicht die große Würde der Geschichte. Eine kleine, stille Würde. Das Gefühl, dass meine Stimme niemandem gehörte außer mir selbst.
Doch als ich an jenem Tag meinen Stimmzettel faltete, spürte ich, dass nicht alle dieselbe Freiheit empfanden. Die steigenden Zustimmungswerte der AfD hatten etwas verändert – nicht laut, nicht plötzlich, sondern wie ein Wetterumschwung, den man zunächst nur am eigenen Körper bemerkt, bevor man den Himmel ansieht.
Aus Misstrauen wird Frust
Ich verstehe, dass viele Menschen in Sachsen-Anhalt müde waren. Müde von Versprechen, die nie eingelöst wurden. Müde von einer Politik, die sie seit Jahren zu übersehen schien. Aus diesem Misstrauen wurde für manche Frust. Und aus Frust eine Wahl, die sie vielleicht selbst nicht ganz erklären können.
Aber Frust ist keine Entschuldigung. Wer aus Protest eine Partei wählt, die Menschen wie mich zum Problem erklärt, wählt nicht aus Versehen – er wählt trotzdem. Und dieses Trotzdem hat Konsequenzen. Nicht für ihn. Für mich. Vielleicht später für ihn? Frust und Demagogie, eine Mischung, die ich kenne.
Viele Menschen, die ich in Sachsen-Anhalt kennengelernt habe, tragen bereits Narben in sich. Unsichtbare Narben aus Ländern, aus denen sie geflohen sind. Manche arbeiten in Krankenhäusern, andere in Pflegeheimen, Apotheken, Schulen oder Vereinen. Sie kümmern sich um alte Menschen, behandeln Patient:innen in der Nachtschicht, organisieren Kulturprojekte oder unterrichten Kinder. Sachsen-Anhalt ist für sie längst mehr geworden als ein Ort auf einer Karte. Sie kennen die Straßen und die Bäume. Sie haben Freundschaften aufgebaut, Wohnungen eingerichtet, Kinder bekommen.
Sie gehen nicht, weil sie Angst haben, sondern müde sind
Und trotzdem überlegen einige von ihnen, heute wieder zu gehen.
Nicht unbedingt aus Angst. Angst ist ein großes Wort. Eines, das der anderen Seite manchmal Mut gibt. Eher aus Erschöpfung. Weil viele nicht noch einmal lernen wollen, ständig wachsam zu sein. Nicht noch einmal dieses Gefühl erleben wollen, plötzlich unerwünscht zu werden.
Ich denke an Freunde von mir, die auf der Straße verfolgt, bespuckt oder beleidigt wurden. An Menschen, die in der Straßenbahn plötzlich verstummen, wenn jemand laut über „Ausländer“ spricht.
Skeptische Blicke bei Lesungen
Und ich denke gleichzeitig an all die Orte in Sachsen-Anhalt, die ich als Autor besucht habe. Kleine Dörfer in der Altmark, Orte mit Funklöchern, in denen manchmal nicht einmal das Internet funktionierte. Ich erinnere mich an skeptische Blicke, an stille Räume, an Veranstaltungen in Gegenden, die als Hochburgen der AfD gelten. Und trotzdem habe ich dort gelesen, diskutiert, zugehört. Vielleicht, weil ich immer gehofft habe, dass Worte etwas bewegen können. Vielleicht, weil Weggehen allein nie genügt.
Denn wenn irgendwann alle gehen, die an Vielfalt glauben, wer bleibt dann übrig?
Wer verteidigt die leeren Räume zwischen den Menschen vor denen, die sie mit Hass füllen wollen?
Manche meiner Freund:innen wollen bleiben. Nicht weil sie naiv sind, sondern weil sie sich weigern, ihre Heimat immer wieder neu aufzugeben. Vielleicht ist genau das heute die eigentliche Form von Mut. Vielleicht bleiben manche deshalb trotzdem. Trotz allem. Weil sie müde geworden sind vom Neuanfangen. Weil sie nicht noch einmal erleiden wollen, Straßen, Bäume und Menschen hinter sich zu lassen.
Heimat war für uns vielleicht nie ein fester Ort, sondern immer nur jener seltene Moment, in dem man glaubt, nicht mehr fliehen zu müssen.
Ich kam als Fremder nach Magdeburg und ging mit einem Gefühl von Heimat
Dieser Text wurde am 20.05.2026 in der Zeitung „der Freitag” veröffentlicht.
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Vor mehr als einem Jahr habe ich Magdeburg verlassen und bin nach Berlin gezogen. Noch immer fühlt sich dieser Satz seltsam an. Vielleicht, weil Magdeburg für mich nie einfach nur eine Stadt war. Es war der Ort, an dem ich nach allem, was vorgefallen war, wieder angefangen habe zu leben. Der Ort, an dem ich gelernt habe, wer ich sein kann. Und vielleicht auch der Ort, an dem ich zum ersten Mal verstanden habe, was Heimat bedeuten kann.
Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal in Magdeburg ankam, war ich 22 Jahre alt. Ich sprach kein Wort Deutsch. Nicht einmal „Hallo“. Ich trug alles, was ich besaß: ein T-Shirt, eine einfache Jacke, eine Hose. Auf dem Rücken mein Rucksack. In der Tasche vielleicht zwei- oder dreihundert Euro. Das war alles, was von dem übrig geblieben war, das mir mein Vater wenige Wochen zuvor gegeben hatte, damit ich diesen Weg nach Europa überhaupt antreten konnte.
Ich erinnere mich noch an dieses Gefühl. Alles war neu. Die Luft. Die Geräusche. Die Gesichter der Menschen. Die Straßenbahnen. Selbst die Gebäude wirkten fremd auf mich. Ich kam aus Homs, einer Stadt, die vom Krieg zerstört wurde, und plötzlich stand ich in Magdeburg, mitten in einem Leben, das mit meinem früheren Leben nichts gemeinsam hatte.
Zunächst lebte ich in einem Flüchtlingsheim. Viele Menschen hätten sich nur versteckt oder versucht, irgendwie zu überleben. Aber ich wusste damals schon, dass ich diese Stadt verstehen wollte. Und ich wusste auch, dass das nur möglich sein würde, wenn ich die Sprache lerne.
Ich lernte an der Volkshochschule Deutsch
Die deutsche Sprache wurde für mich viel mehr als nur ein Mittel zur Verständigung. Sie wurde mein Tor zu den Menschen. Mein Tor zu Freundschaften, Gesprächen und Möglichkeiten. Vielleicht sogar mein Tor zu einem neuen Ich.
Ich lernte Deutsch in der Volkshochschule am Hasselbachplatz. Noch heute denke ich oft an diese Zeit zurück. Jedes neue Wort fühlte sich damals wie ein kleiner Sieg an. Eines der ersten deutschen Wörter, die ich lernte, war „Sinn“. Und der Satz: „Das macht keinen Sinn.“ Ich hielt diesen Satz für lustig. Vielleicht, weil damals vieles in meinem Leben keinen Sinn ergab.
Und jedes Mal, wenn ich etwas Neues gelernt hatte, versuchte ich sofort, daraus Sätze zu bauen. Kleine Sätze. Vorsichtige Sätze. Sätze über mich selbst, über Syrien, über Flucht und Verlust. Vielleicht begann genau dort mein Schreiben.
Magdeburg – ein Teil von mir
Aus dieser Notwendigkeit entstand später mein erstes Buch Fackel der Angst. Von Homs nach Magdeburg. Ich wollte nicht nur meine eigene Geschichte erzählen. Ich wollte auch von den Menschen berichten, die ich auf dem Weg nach Europa getroffen hatte. Menschen, die alles verloren hatten und trotzdem versuchten, irgendwo neu anzufangen. Gleichzeitig schrieb ich über Homs, über die Zerstörung meiner Heimatstadt und darüber, wie der Krieg uns gezwungen hatte, unsere Familien zurückzulassen.
Und genau dieser neue Anfang war für mich Magdeburg.
Mit den Jahren wurde die Stadt immer mehr ein Teil von mir. Ich lernte die Elbe kennen und lieben. Oft saß ich einfach am Wasser und hörte zu. Vielleicht war die Elbe der erste Ort in Deutschland, an dem ich mich nicht fremd fühlte. Die grünen Ecken der Stadt, der Dom, die alten Fassaden, die ruhigen Straßen – all das gab mir etwas, das ich lange nicht gespürt hatte: Ruhe. Ohne es zu versuchen, brachte mich die Stadt dazu, sie zu lieben.
Vor allem aber waren es die Menschen. Menschen, die bereit waren, mit mir zu sprechen, obwohl mein Deutsch am Anfang voller Fehler war. Menschen, die neugierig waren. Menschen, die mich akzeptierten und an mich glaubten, oft früher, als ich selbst an mich glaubte.
Etwas veränderte sich in der Stadt
Als mein Buch veröffentlicht wurde, begann ich, Lesungen in Magdeburg zu halten – in der Stadtbibliothek, bei Festivals und verschiedenen Veranstaltungen. Ich erinnere mich bis heute an diese Wärme. Viele Menschen wollten meine Geschichte hören. Nicht aus Mitleid, sondern aus echtem Interesse. Und für mich war das etwas Besonderes: zu merken, dass man auch mit wenigen Worten Menschen berühren kann.
Magdeburg hat mir Mut gegeben, aus meiner Schale herauszukommen. Dort begann ich, Theater zu spielen. Dort lernte ich, öffentlich zu sprechen. Langsam entstand in mir das Gefühl, dass meine Stimme einen Platz haben darf. Vielleicht bin ich genau dort erwachsen geworden.
Gerade deshalb fiel es mir schwer, in den letzten Jahren zu beobachten, wie sich etwas in der Stadt veränderte. Ich kann nicht genau sagen, wann dieses Gefühl begann. Vielleicht war es schon vorher da und wurde nur lauter. Vielleicht begann ich es erst mit der Zeit wahrzunehmen. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es etwas kälter geworden war.
Als jemand, der Gesichter aufmerksam liest und Menschen genau beobachtet, spürte ich diese Veränderung oft in kleinen Momenten. In Blicken. In Gesprächen. In bestimmten Stimmungen auf der Straße. Die Stadt, die sich für mich lange offen angefühlt hatte, begann, sich enger anzufühlen.
Die Stille nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt
Ich werde den Abend des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 wahrscheinlich nie vergessen. Kurz davor hatte ich noch Hoffnung gespürt. In Syrien war das Assad-Regime gestürzt worden, und zum ersten Mal seit vielen Jahren erlaubte ich mir, vorsichtig zu glauben, dass vielleicht irgendwann ein neuer Anfang möglich sein könnte. Vielleicht würden wir eines Tages zurückkehren können. Vielleicht würden die Straßen meiner Heimatstadt irgendwann wieder voller Leben sein.
Dann hörte ich die Sirenen. Polizei. Krankenwagen. Immer mehr. Diese Geräusche sind bis heute in meinem Kopf geblieben. Zuerst verstand ich nicht, was passiert war. Aber ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Kurz darauf kam die Nachricht vom Anschlag auf den Weihnachtsmarkt, bei dem viele Menschen ihr Leben verloren und viele weitere verletzt wurden, Menschen, die die Folgen dieses Abends wahrscheinlich noch lange in sich tragen werden.
Die Stille danach kann ich bis heute nicht vergessen. Ich lag in meinem Bett und fühlte mich für einen Moment zurückversetzt in die Nächte von Homs. Nächte, in denen man nicht wusste, was als Nächstes passiert. Nächte voller Angst, Geräusche und Gedanken.
In dieser Nacht wollte ich einfach schlafen und träumen. Vielleicht, weil Träume manchmal der einzige Ort sind, an dem man seine Familie wiedersehen kann. Danach hatte ich oft das Gefühl, dass sich etwas verschoben hatte. Nicht überall. Nicht bei allen Menschen. Aber spürbar genug, um es nicht zu ignorieren.
Geschlossene Buden nach dem Magdeburger Anschlag auf den Weihnachtsmarkt
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Und doch waren viele nach dem Anschlag solidarisch
Und trotzdem habe ich gleichzeitig erlebt, wie viele Menschen in Magdeburg zusammengerückt sind. Wie solidarisch viele waren. Wie entschieden Menschen füreinander eingestanden sind. Das hat mir gezeigt, dass eine Stadt nie nur aus ihren Problemen besteht, sondern auch aus den Menschen, die sich ihnen entgegenstellen.
Vielleicht war genau das das Schwierigste: gleichzeitig Liebe und Distanz zu empfinden.
Denn trotz aller Verbundenheit begann ich irgendwann zu spüren, dass ich weitergehen muss. Nicht nur wegen dieser gesellschaftlichen Veränderungen, sondern auch, weil meine eigenen Träume größer geworden waren. Magdeburg wird immer ein wichtiger Teil meines Lebens bleiben. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die Stadt zu klein wurde für all das, was ich noch ausprobieren, lernen und aufbauen wollte.
Als sich Anfang 2025 die Möglichkeit ergab, nach Berlin zu gehen und dort beruflich neue Wege zu öffnen, begann ich, lange darüber nachzudenken. Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht. Denn Magdeburg zu verlassen fühlte sich nicht an wie ein normaler Umzug. Es fühlte sich eher an, als würde ich ein Kapitel meines Lebens schließen.
Berlin als neuer Ort zum Atmen
Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich weitergehen muss. Als ich nach Berlin zog, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, selbst entscheiden zu können, wohin mein Weg führt. Nicht aus Angst. Nicht auf der Flucht. Sondern aus Neugier auf das Leben, das noch vor mir liegt.
Heute lebe ich in Berlin. Die Stadt ist größer, lauter und schneller als Magdeburg. Vieles ist hier anders. Und trotzdem trage ich Magdeburg noch immer in mir. Dort habe ich die deutsche Sprache gelernt. Dort wurde ich Autor. Dort habe ich Freundschaften aufgebaut. Dort habe ich verstanden, dass ein fremder Ort langsam zu einem Zuhause werden kann.
Ich kam damals nach Magdeburg, um irgendwo neu anzufangen. Ich wusste nur nicht, dass ein Teil von mir dort für immer bleiben würde.
Zwischen Trümmern und Umarumungen
Sie unterhielten sich im Auto, das uns nach Homs brachte. Die Stadt, die ich vor fast elf Jahren verlassen hatte, ohne sie je wiederzusehen.
Ich dachte an die Rückkehr. An den Blick meiner Mutter, wie sie weinend lächelte vor Freude über mein Wiederkommen. An die warme Umarmung meines Bruders. An den Geruch seines Parfüms, vermischt mit dem Duft alter Zigaretten. Ich dachte an die Straßen von Homs, an ihre einfachen Menschen, an verstreute Erinnerungen in alle Richtungen.
Als wir uns der Stadt näherten und ihr Umriss langsam auftauchte, begann mein Herz schneller zu schlagen, als würde es mit dem Auto um die Wette fahren, das mich vom Flughafen Aleppo in eine Stadt brachte, die ich über ein Jahrzehnt lang nicht gesehen hatte.
Zerstörung war in jeder Ecke ein Zeugnis der Gewalt und der Arroganz des früheren Regimes. Häuser, Gebäude, Straßen, Gärten – ja sogar Menschen – trugen die Spuren des Krieges, als wären sie Zeugen jahrelangen Leidens. Die Straßen waren grau und staubig, wie das Grau, das sich in das Haar eines jungen Mannes in seinen Zwanzigern schleicht. Die Luft war erfüllt vom Geruch von Benzin, und trotzdem fühlte sie sich vertraut an, beruhigend – sie ähnelte mir, und ich ähnelte ihr. Sie lag angenehm auf meiner Haut, als gehörte ich zu ihr.
Ich schaute aus dem Fenster, ohne auf das zu achten, was die anderen sagten. Ich hörte dem leisen Vorwurf von Homs zu. Die Stadt fragte mich, wie es mir gehe, warf mir meine lange Abwesenheit vor. Ich weinte still, als ich sie von meinem verstorbenen Vater sprechen hörte, der in seinen letzten Tagen nach mir gefragt hatte. In diesem Moment konnte ich nichts tun, außer zuzuhören und beschämt zu nicken.
Wir fuhren in die Stadt, und plötzlich fragte mich der Fahrer: „Wo ist euer Haus, Bruder?“
Ich antwortete: „Ich weiß es nicht.“
Er lachte: „Wirklich? Du weißt nicht, wo deine Familie wohnt?“
Ich sagte: „Nein… ich weiß es nicht. Meine Familie ist in den letzten fünfzehn Jahren fünf- oder sechsmal umgezogen – seit die Revolution begann und sich die Straßen unserer Städte in Orte kollektiver Bestrafung für diejenigen verwandelten, die Freiheit forderten.“
Er fragte weiter: „Und jetzt? Wo steigst du aus?“
Ich sagte: „Ich frage meinen Bruder.“
Er sagte: „Sag ihm, beim Nationalkrankenhaus. Ich bringe dich dann gleich nach Hause.“
Wenige Minuten später stand ich mit meinem Koffer auf der Straße, vor dem alten Nationalkrankenhaus – oder dem, was davon übrig war. Vor mir ein Bild aus verfallenen Gebäuden, von Kugeln durchlöchert, ihrer Schönheit beraubt, zurückgelassen mit Löchern voller Angst und Schmerz.
Kurz darauf kam Omar. Ich sah, wie er das Familienauto vor mir anhielt und auf die Hupe drückte, als würde er einen Bräutigam an seinem Hochzeitstag abholen – so, wie wir es aus Syrien kennen. Nicht jeder Lärm ist schlecht. Manche Geräusche tragen Freude und Hoffnung.
Er stieg aus, und wir weinten beide. Wir umarmten uns voller Sehnsucht. Mein Bruder Omar ist ein sehr emotionaler, zutiefst menschlicher Mensch – auch wenn Fremde ihn beim ersten Treffen vielleicht als hart empfinden. Er ist klug, liest Gesichter mit Präzision und versteht Worte – und das, was zwischen ihnen steht – wie ein erfahrener Dichter.
Ich sagte zu ihm: „Ich habe dich sehr vermisst.“
Und für jemanden wie mich, der das Schreiben liebt, waren das in diesem Moment die einzigen Worte, die ich finden konnte.
Wir kamen am Haus an, in das meine Familie mit meinem Vater vor einigen Jahren gezogen war. Ein etwas altes Gebäude, in dem die Sonne kaum ankommt, weil es hinter einem anderen liegt. Mein Bruder klingelte. Meine Mutter öffnete. Sie sah ihn mit meinem Koffer und fragte voller Sehnsucht: „Ist er gekommen?“
Er sagte: „Ja.“
Ich trat hinter ihm hervor und stand direkt vor ihr. Sie weinte und nahm mich in die Arme. Ihr Geruch war das Schönste, das ich je wahrgenommen hatte. Wie ein Garten an einem Frühlingstag. Wie eine klare Sommernacht mit vollem Mond, so wie ich sie als Kind kannte. Ihr Duft, ihr Lächeln, ihr Haar, ihre Umarmung – all das ließ die Müdigkeit der Reise verschwinden.
Im Haus saß ich auf dem Sofa, neben meiner Mutter und meinem Bruder gegenüber… ohne meinen Vater dieses Mal. Und doch hatte ich das Gefühl, er rufe mich, bitte mich, ihn auf dem Friedhof zu besuchen.
Als ich meinen Kopf auf den Schoß meiner Mutter legte und sie begann, mit meinem Haar zu spielen, wurde ich wieder zu einem kleinen Kind. Keine Sorgen mehr. Keine steigenden Lebenshaltungskosten. Keine Müdigkeit. Nur dieser Moment. Dieser Ort. Nichts anderes zählt.
Ich schloss die Augen und lächelte.
Ich war der glücklichste Mensch der Welt…
wenn auch nur für zwei Wochen, bis mein Urlaub endet.
Risse unter der Haut
Es fühlte sich an, als wäre ich nie dort gewesen. Ich stand an der Haltestelle, den Rucksack auf dem Rücken, die Augen brennend vom Weinen, das Herz schwer und mürbe. Ein Opfer der Umstände, ein wanderndes Abbild einer zerrissenen Heimat. Neben mir verfluchten meine Eltern ihr Schicksal.
Zehn Jahre sind seit jenem Abend vergangen, und noch immer zwingt mich die Kälte, mich an ihn zu erinnern. So vieles hat sich seither verschoben: Mein Vater ist von dieser Welt gegangen, und ich bin älter geworden. Ich bin deutscher geworden mit syrischen Erinnerungen, oder ein Syrer mit deutschen Hoffnungen. Doch was ist aus dem alten Ich geworden? Wo leben gebrochene Träume, wenn niemand mehr weiß, wohin sie gehören?
Vielleicht tragen wir unsere Brüche weiter, wie feine Risse unter der Haut, unsichtbar für andere, aber spürbar bei jedem Schritt. Vielleicht ist das alte Ich nicht verschwunden, sondern nur zu einem Echo geworden, das mich leise begleitet. Und vielleicht leben die gebrochenen Träume nicht im Verlorenen, sondern im Versuch, weiterzugehen.
Und morgen? Morgen lächelt mich trotzdem wie ein stiller Verbündeter, unscheinbar und doch hartnäckig gegen die Dunkelheit. Vielleicht verspricht es nichts Großes, keine plötzliche Wendung, keine Erlösung. Doch es öffnet sich mir trotzdem, leise und geduldig.
Und wie es im Koran heißt: لا تَدري لَعَلَّ اللَّهَ يُحْدِثُ بَعْدَ ذَلِكَ أَمْرًا – du weißt nicht, vielleicht schafft Gott nach all dem etwas Neues.
In diesem Satz liegt eine Kraft, die bleibt: ein Atemzug, der mich zurückholt, eine Hand, die mich weiterführt. Vielleicht genügt es, dass morgen existiert. Dass es mich ansieht. Dass irgendwo zwischen Erinnerung und Hoffnung ein neuer Anfang auf mich wartet.
بين الركام والعناق
كانوا يتحدثون مع بعضهم في السيارة التي تقلّنا إلى وجهتنا: حمص. المدينة التي تركتها قبل ما يقارب أحد عشر عاماً دون أن أراها مرة أخرى.
كنت أفكّر في العودة، في نظرات أمي وهي تبكي مبتسمة فرحاً برجوعي، في عناق دافئ من أخي، وفي رائحة عطره المختلطة برائحة سجائر قديمة. كنت أفكّر بشوارع حمص، بناسها البسطاء، بذكريات متناثرة في كل اتجاه.
وعندما اقتربنا من المدينة، وبدأ طيفها يلوح شيئاً فشيئاً، تسارع نبض قلبي كأنه يسابق السيارة التي أقلّتني من مطار حلب للقاء مدينة غبت عنها أكثر من عقد من الزمن.
كان الدمار شاهداً في كل زاوية على عنف النظام السابق واستكباره. بيوت ومبانٍ وطرق وحدائق وشوارع، بل وحتى أناس، تحمل آثار الحرب وكأنهم شهود على سنوات طويلة من الشقاء. الشوارع رمادية، مغبّرة، كالشيب الذي يتسلّل إلى شعر شاب في العشرين. الهواء كان مشبعاً برائحة البنزين، ومع ذلك شعرت به مألوفاً، مطمئناً، يشبهني وأشبهه، مريحاً لجلدي كأنني أنتمي إليه.
كنت أنظر من نافذة السيارة، غير منتبه لما يقوله الآخرون. كنت أصغي إلى عتاب حمص. كانت تسألني عن حالي، تعاتبني على طول الغياب. بكيت وحدي وأنا أسمعها تخبرني عن أبي المتوفّى، الذي ناجاها في أيامه الأخيرة سائلاً عني. لم يسعني في تلك اللحظة سوى الاستماع، أُومئ برأسي بخجل.
دخلنا المدينة، وفاجأني السائق بسؤال: – أين منزلكم، أخي؟ أجبته: لا أعرف. ضحك قائلاً: أحقاً لا تعرف أين تقطن عائلتك؟ قلت: لا، لا أعرف. فقد انتقلت عائلتي إلى خمسة أو ستة منازل خلال أكثر من خمسة عشر عاماً، منذ اندلاع الثورة، حين تحوّلت شوارع مدننا إلى ساحات عقاب جماعي لمن نادوا بالحرية.
سألني مجدداً: – والآن، أين ستنزل؟ قلت: سأسأل أخي. قال: قل له بجانب المشفى الوطني، وسآتي حالاً لأوصلك إلى البيت.
وبالفعل، بعد دقائق، كنت واقفاً إلى جانب حقيبتي في الشارع، أمام المشفى الوطني القديم، أو ما تبقّى منه. كنت أقف أمام لوحة من الأبنية المتهالكة، مثقوبة برصاص اقتلع منها كل جمال، تاركاً ثقوباً من الخوف والأسى.
بعد لحظات، جاء عمر. رأيته يصفّ سيارة العائلة أمامي، يضغط على زمور السيارة كأنه جاء ليقلّ عريساً في ليلة عرسه، كما اعتدنا في سوريا. فليس كل الضجيج سيئاً، بعضه يحمل الفرح والأمل.
نزل من السيارة، وبكينا معاً. احتضنّا بعضنا بشوق ولهفة. أخي عمر إنسان عاطفي جداً، وإنساني للغاية، رغم تلك القسوة التي قد يشعر بها من يلتقيه لأول مرة. هو ذكي، يقرأ الوجوه بدقّة، وفنّان يفهم الكلمات وما خلفها وبين سطورها، كشاعر متمرّس.
قلت له: اشتقت لك كثيراً. ولمن يعشق الكتابة مثلي، لم أجد في تلك اللحظة سوى هذه الكلمات.
وصلنا إلى باب البيت الجديد الذي انتقلت إليه عائلتي مع أبي قبل سنوات. بناء قديم بعض الشيء، والشمس تكاد تهرب منه لأنه يقع خلف بناء آخر. ضغط أخي جرس الباب، ففتحت أمي. رأت أخي يحمل حقيبتي، فسألته بلهفة: – هل جاء؟ قال: نعم.
خرجت من خلفه ووقفت أمامها مباشرة. بكت كثيراً واحتضنتني. كانت رائحتها أجمل ما شممت في حياتي. كحديقة في يوم ربيعي، كليلة صيفية صافية بقمر مكتمل، كما كنت أراها وأنا طفل. رائحتها، ابتسامتها، شعرها، حضنها… كانت كفيلة بأن تنسيني تعب السفر كله.
في البيت، جلست على الأريكة بجانب أمي وأمام أخي… دون وجود والدي هذه المرة. شعرت به أيضاً يناديني، يدعوني لزيارته في المقبرة.
عندما وضعت رأسي على فخذ أمي، وبدأت تلاعب شعري، عدت طفلاً صغيراً. لم يعد هناك همّ، ولا غلاء معيشة، ولا تعب. فقط هذه اللحظة، وهذا المكان. لا شيء آخر يهم.
أغلقت عيني وابتسمت. كنت أسعد إنسان في العالم… ولو لأسبوعين فقط، ريثما تنتهي عطلتي.
Es war einmal in Berlin!
Sie war eine starke Frau, auf eine besondere Art schön, klug und furchtlos.
An diesem Abend trank sie mit ihren Arbeitskollegen aus dem Unternehmen, in dem sie arbeitete.
Sie nippte an dem kühlen, milden Wein. Sie trank langsam sowie genussvoll und lächelte dabei leicht . Sie war stark.
"Die Nacht ist noch jung!", dachte sie. "Ich schaffe das". Aber irgendwie kamen alle Erinnerungen zurück. Ihre Jugend, ihre Träume und diese alten Lieder aus ihrem Dorf. Sie ist jetzt ein Stadtmädchen, aber tief im Inneren ist sie noch immer das Mädchen aus dem kleinen Dorf von damals. Irgendwie hielten all die Lichter in der Bar und die Fremden, die sie umgaben, sie von dem unendlichen Raum des Abends zurück.
Sie konnte es nicht ertragen. Sie musste gehen. Sie lächelte sie an, klopfte einem von ihnen auf die Schulter und sagte: "Ich werde nächste Woche wiederkommen", und verließ die Bar. Sie hat weder geheiratet, noch war sie verlobt oder in einer Beziehung, obwohl sie über dreißig Jahre alt war, was an sich schon ein Durchbruch für eine Frau aus dem Nahen Osten ist, von der die Gesellschaft doch erwartete, dass sie inzwischen doch bereits längst verheiratet sein und Kinder haben müsste. Es war ihr auch völlig egal, was andere Leute sagten. Sie war unabhängig und obwohl sie mit ihrer Familie (ihrem Vater und ihren verheirateten Brüdern) im selben großen Haus lebte, war sie diejenige, vor der sich alle fürchteten. Ihre Brüder und deren Frauen fürchten sie und ihren Zorn. Sie wollten, dass sie weiterhin zufrieden ist. Sie kochten für sie, putzten ihr Zimmer und schrien ihre Kinder an, wenn sie Lärm machten, während sie schlief. Sie war ein Kontrollfreak und Workaholic. Sie hasste es, sich hilflos zu fühlen. Denn das war sie nicht. Sie mochte es nicht, kontrolliert zu werden, und lehnte es ab , eingenommen zu werden. In den Worten ihres Dorfes ist sie ein freier Vogel. Und das ist sie tatsächlich. Sie kontrolliert ihr Leben und ist geradezu eine Meisterin der Selbstbeherrschung. Sie liebte es, die Kontrolle zu haben, und wollte immer gemocht und respektiert werden. Sie hatte kein leichtes Leben, sie war eines der ärmsten Mitglieder ihrer Familie, aber im Moment hatte sie mehr Kontrolle und Macht, als sie sich je erträumt hätte. Doch sie war nicht glücklich.
Mein Vater kannte sie schon lange. Sie war diejenige, die ihn in die Firma eingeführt hat. Sie hat ihm so ziemlich alles beigebracht und er als Künstler hat ihr auch eine Menge Neues gezeigt.
Irgendwann begriff er schließlich, dass er nicht allein vom Schauspiel leben kann, also suchte er nach einem Job und fand diese Frau dort in der Firma. Sie war da, aber er fand sie trotzdem. Mein Vater liebte sie. Ich wusste, dass er das tat, aber ich glaube nicht, dass sie ihn liebte.
Ihre Beziehung war immer instabil. Meine Mutter wusste damals, dass das Verhältnis meines Vaters zu ihr nicht normal ist. Es ist nicht die Beziehung einer Arbeitskollegin mit einem anderen Arbeitskollegen. Da war etwas faul und sie wusste es von Anfang an, entschied sich aber dafür, ihre Ehe zu schützen.
Ihre Art, die Dinge zu kontrollieren, machte sie zum Feind vieler Menschen bei ihrer Arbeit. In einem Land wie Syrien war sie in gewisser Weise das schwarze Schaf. Jemand, der mit allen Stereotypen und Konventionen brach. Zu Beginn des Bürgerkrieges wurde dieses Regierungsunternehmen von Lobbys betrieben, die Pro Bashar Al Assad waren und die enge Verbindungen zu verschiedenen Abteilungen der Geheimdienste unterhalten. Sie haben Bestechungsgelder akzeptiert, um Öl in andere Länder und Städte zu exportieren, auch wenn das auf allen lokalen Ebenen Chaos bedeutete. Sie wurde zu einer dieser korrupten Banden.
Sie wollte mehr Geld, mehr Kontrolle und mehr Macht.
Für meinen Vater begann sie, sich zu verändern. Er konnte sie nicht mehr verstehen. Er mochte all ihre neuen Freunde und all diese Parteien nicht, diese korrupten Leute. Er wusste, wie gefährlich sie sind. Er hat nicht darüber geklagt und geweint, sondern er hat sich hinter verschlossenen Türen isoliert und dadurch selbst zerstört.
„Sie weiß zu viel“, sagte mein Vater einmal. „Sie werden sie nicht in Ruhe leben lassen“. Mit der Zeit wurden die Menschen um sie herum immer korrupter. Sie belogen sie, betrogen sie, stahlen ihren Anteil am Geld und versteckten Informationen vor ihr.
Sie wurde langsam auch für diese Menschen nicht mehr nützlich. Für sie sollte es niemanden geben, der ihre zwielichtige, verwickelte Arbeit kennt. Niemand sollte wissen, was sie tun. Und diese Frau, mit ihren guten Verbindungen im Land, war eine Feindin geworden. In ihren letzten Tagen stand sie schließlich auf der falschen Seite. "Tut, was wir sagen, sonst", flüsterte ihr einer von ihnen zu. Mein Vater versuchte, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren , aber sie lehnte ihn ab, was ihn sehr traurig machte. "Du spielst mit dem Feuer. Du stehst kurz davor, dich zu verbrennen", sagte er zu ihr.
Eines Tages wurde sie vermisst. Sie konnte nirgendwo gefunden werden. Einige Leute sagten, sie sei verhaftet oder sogar getötet worden. In unseren Dritte-Welt-Ländern gibt es keinen großen Unterschied zwischen verhaftet und getötet werden. Ihr Handy war ausgeschaltet. Oder besser gesagt, es funktionierte nicht mehr. Ihr Auto war geparkt, aber ihre Schlüssel waren noch drin. Was hat sie bloß getan? Was hat sie diesen Leuten, diesen Banden, angetan? Ich frage mich immer noch, was mit ihr passiert ist. Wie ist sie hierhergekommen?
Mein Vater war nach ihrem Verschwinden sehr traurig. Er spürte den Schmerz , in ihr Büro zu gehen und sie dort nicht zu sehen. Alles, was ihm von ihr blieb, sind die Erinnerungen, ihre funkelnden Augen und ihr Duft. Als Schauspieler schrieb er ein Theaterstück über sie, viele Texte über sie und ihre Geschichten. Ich glaube, er vermisst sie noch immer. Ein Teil von ihm wartet immer noch auf sie.
Es war, als wäre sie nie da gewesen.
Ich habe meinen Vater einmal gefragt, ob er glaubt, dass sie tot ist, oder ob er weiß, wo er sie finden kann. Ich fragte ihn, ob er nach ihr gesucht habe, und er antwortete nicht, er lächelte, ohne mir in die Augen zu schauen.
Es war, als wäre sie nie da gewesen.
Ich kannte sie als eine Freundin meines Vaters. Sie versuchte auch, eine Freundin meiner Mutter zu werden, die immer freundlich zu ihr war. Ich erinnere mich an sie, ihr lautes Lachen. Wie großzügig sie war. Die Zeit, als wir mit ihr in der Innenstadt des schönen Vorkriegs-Homs Pizza aßen. Ich kann stundenlang über sie reden. Ich mochte sie. Ich war ein bisschen verliebt in sie. Sie nannte mich immer gutaussehend. Für mich als Teenager reichte das aus, um mich verrückt zu machen und mit mir selbst zu reden.
Das ist aber jetzt viele Jahre her und niemand hatte von ihr gehört oder mit ihr Kontakt aufgenommen. Niemand hatte eine Ahnung, wo sie war. Der Krieg in Syrien veranlasste mich, das Land Ende 2015 zu verlassen und nach Deutschland zu kommen, wo ich einen Ort fand, an dem ich meinem Glück in Würde nachgehen konnte. Es war nicht leicht für mich, ein neues Leben in einem fernen Land zu beginnen, solange alles, was mir gehört, noch in Syrien ist. Ich habe die Sprache gelernt, ein Buch geschrieben. Ich habe Theater gespielt. Ich begann wieder, jeden Tag zu schätzen und zu lieben. Als Schriftsteller habe ich viel über das Leben verschiedener Menschen gelesen. Menschen, die so viel Herzschmerz und Leid erlitten haben. Aber diese Frau und ihre Geschichte schwingt noch immer in mir nach. Vor zwei Jahren war ich in Berlin. Auf dem Alexanderplatz saß ich allein und beobachtete Menschen, die vorbeikamen. Doch dann habe ich sie gesehen, ziemlich sicher, dass sie es war. Sie lief ohne Kopftuch, im Gegensatz zu dem, was sie früher in Syrien tat . Ein Hauch von Glück war in ihrem Gesicht zu spüren, Stolz lag in ihrer Körpersprache. Sie war frei. Sie war die gleiche starke Frau!
Ich wollte hingehen und hallo sagen, aber ich habe mich nicht getraut, das zu tun. Nach einer Weile konnte ich sie nicht mehr sehen. Sie war eins mit der Menge. Dann begann ich zu glauben, sie sei nur ein Traum. Eine Illusion aus meinem Unterbewusstsein. Langsam wurde die Menge dünner, ihr Bild verblasste, und ich blieb mit meinen Unsicherheiten zurück. Ich kehrte verwirrt Zuhause ein. Sie war keine Illusion. Ich war zu einhundert Prozent sicher, dass sie es gewesen ist.
Danach konnte ich nicht aufhören, an sie zu denken und beschloss, eine Geschichte über sie zu schreiben. Während ich sie schrieb, konnte ich sie mehr und mehr in meinen Gedanken sehen. In meinem Kopf habe ich sie lächeln sehen. Ich wollte immer so sein wie sie, stark, selbstbewusst, unabhängig und frei.
Ich war glücklich, glücklich auf eine revolutionäre Weise, ein Glück, das mich zu einem neuen Menschen machte. Und das alles, weil ich eine eigene kurze Geschichte über diese Frau schreiben wollte. Über sie zu schreiben, mich an sie zu erinnern und zu versuchen, sie in mir selbst zu erkennen, gab mir eine Art von Kraft, Motivation und Freude, die ich nie zuvor hatte.
Seit diesem Tag fahre ich oft nach Berlin und gehe an den Ort, an dem ich glaube, sie damals gesehen zu haben, ich spreche mit ihr, ich schreibe ihr.
Geheimnisse der Seele
Das Buch der Bücher. Alltag und Ferne.
Die ersten Morgenvögel flirten mit der Sonne, die bald aufgehen wird, schauen und zwitschern zwischen den Zweigen der Bäume auf der Suche nach den Geliebten. Mit den Melodien dieser Morgensymphonie erwacht sie.
Sie wirft ihren Blick auf den schlafenden Ehemann.
Sie steht auf, sucht in der Dunkelheit des Raumes nach der kleinen Tür. Die Luft draußen scheint hoffnungsschwanger, jeder Morgen neu, klar und verheißungsvoll. Es duftet noch nach dem Geruch des gestrigen Abendessens. Sie geht zu dem Waschbecken in der Ecke der Wohnung, dreht sanft den Wasserhahn und lässt einen leichten Strahl fließen. Sie öffnet ihn immer vorsichtig, damit das Geräusch des fließenden Wassers die Träume ihres Mannes und ihrer schlafenden Kinder nicht stört. Zunächst wäscht sie sich das Gesicht und spürt die Kälte des Wassers, das sie sanft küsst. Sie wiederholt das Gleiche dreimal, dann jeweils dreimal mit den Händen und danach das gleiche für ihre Füße. Jetzt ist sie körperlich und geistig bereit, zu beten und den Koran zu lesen. Das ist ihre tägliche Gelegenheit für eine effektive Kommunikation mit Allah. Diese geheime Verabredung erwartet sie jeden Morgen mit einem Herzen voller Liebe und Sehnsucht. Sie zieht das Gebetskleid an, ein weiches weißes Tuch, das den oberen Teil ihres Haares und den unteren Teil ihres Körpers bedeckte. Sie sitzt wie immer auf dem alten roten Teppich im Wohnzimmer und hält ihr Lieblingsbuch in Händen, mit dem sie sich nie langweilt. Sie küsst seinen harten Einband und legt es dann auf ihre Stirn. Sie tut dies mit einer Ehrfurcht, die seiner Wichtigkeit würdig ist. Der Koran ist für sie ein Grundbedürfnis, eine Grundkomponente jeden Haushaltes. Er ist ein Tor zum Himmel, der Engel anzieht, die den Ort der Lesenden segnen und Frieden sowie Vergebung von Gott mitbringen.
„Er ist eine Quelle des psychologischen Trostes“ sagte sie einmal. Den Koran zu lesen und mit seinen Worten und seiner Weisheit gesegnet zu sein, offenbart ihren Zustand der vollständigen Integration, der von einer außergewöhnlichen Mischung aus Spiritualität und Selbstvergessen geprägt ist. Dabei hat sie uns jedoch auch mitten in diesem fortwährenden Akt der Anbetung nie vergessen. Sie betet für mich und meinen Bruder. Sie träumt von uns, sieht uns vor sich. Und betet zu Allah, dass er uns hilft, unsere Bestrebungen und Ziele zu verwirklichen.
Was meinen Vater betrifft, den Künstler, der in seiner Jugend Kommunist war und dann Atheist geworden ist: Für ihn ist der Koran einfach nur eine schöne Erinnerung, die das Kind in ihm streichelt. Er erinnert sich zum Beispiel, wie er seinen Onkel zu Gottesdiensten in der alten Moschee begleitete, an die Ruhe, Gelassenheit, an den Duft.
Er ist ein Halbwaisenkind, das seinen Vater nie gesehen hat. In seiner Jugend rebellierte er gegen seine konservative Umgebung, getrieben von dem Wunsch, die Welt zu erkunden. Die Prinzipien von Gleichheit, Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Liebe prägten seine Wahrnehmung des Sinns des Lebens. Für ihn spielte Religion dabei überhaupt keine Rolle.
Da bleibt die Frage, wie sich diese so gegensätzlichen Beiden überhaupt gefunden haben. Und wie schaffen sie es, trotz ihrer Unterschiede zusammen zu bleiben?
Vielleicht, weil er sie für den Schlüssel der Sicherheit seiner Zukunft hält ... dass ihr Glaube ein Lichtstrahl in der Dunkelheit der rauen Außenwelt ist. Sie sind zwei verschiedene Menschen, aber gleichzeitig sehr ähnlich. Jeder von ihnen hat eine andere Sicht auf das Leben, Gott und die Religion, aber sie haben einen Mittelpunkt gefunden, ein gemeinsames Land, eine Brücke, die zwei Welten verbindet.
Selbst jetzt, obwohl ihre beiden Kinder weit weg von ihr sind, ich in Deutschland, mein Bruder in Ägypten, liest meine Mutter weiter jeden Morgen den Koran. Sie weiß nicht, dass mein Vater genau zur gleichen Zeit aufwacht, um zu sehen, wie sie das Zimmer verlässt. Er lächelt liebevoll und kehrt dann zu seinen Träumen zurück...